Recycling mit Tee!

Statt im Kaffeesatz zu lesen, deuten englische Muttersprachler die Teeblätter. Was kann man mit gebrauchten Teeblättern noch alles machen, außer den Brexitören ihre Zukunft vorauszusagen oder den Komposthaufen zu bereichern?

Was lässt sich mit bereits aufgegossenen Teeblättern alles anstellen?

Natürlich gibt es einige Rezepte für aufgegossene Teeblätter, z.B. die Sencha-Stulle. Aber seit Jahrtausenden hat sich in Ostasien eine viel direktere Methode des Teeblatt-Recyclings bewährt: der Mehrfachaufguss. Tatsächlich ist es für die Zubereitung von Grüntee in China, Japan oder Korea die übliche Methode, die Teeblätter nach dem ersten Aufguss für weitere Kannenfüllungen zu verwenden.

Mehrfachaufguss auf japanische Art

Aus Japan kennt man die „Kyûsu“ – ein Teekännchen (oft mit Seitengriff), dass typischerweise 300ml oder weniger fasst. Vielen Teetrinkern in Deutschland erscheint das ungewöhnlich klein … doch wenn man einen Gyokuro oder Shincha zubereitet, kann man dieselben Teeblätter in der Kyûsu 3mal aufgießen und bekommt so knapp einen Liter Tee.

Die chinesische Alltagstradition des Mehrfachaufgusses

In China haben sich über die Jahrtausende der Teekultur (offizieller Beginn: 2437 v.u.Z., vielleicht ein Dienstagvormittag?) gleich zwei Methoden der Mehrfachaufgüsse durchgesetzt. Die Alltagsvariante ist ungemein entspannt und unkompliziert: man gibt Teeblätter in einen Becher, ein Glas oder modern in ein stylisches Trinkfläschchen und gießt direkt darauf das richtig temperierte Wasser. Wenn das Getränk soweit abgekühlt ist, dass man sich nicht mehr die Lippen verbrennt, sind die Teeblätter zu Boden gesunken und man beginnt genüsslich von oben zu schlürfen. Wenn der Becher noch zu einem Drittel gefüllt ist, füllt man wieder heißes Wasser auf. Das wird solange wiederholt, bis das Getränk langweilig wird. Wegen der somit unbegrenzten Ziehzeit sollte man für diese Methode den Tee schwächer dosieren als üblich. Auch eignen sich hierfür besser wirklich großblättrige Tees: zum einen flutschen sie einem nicht so leicht zwischen den Lippen durch in den Mund, zum anderen geben intakte Teeblätter weniger Bitterstoffe ab als gebrochene Blätter.

Mehrfachaufguss à la Gongfucha

Die andere Methode der Mehrfachaufgüsse in China kommt vom Gongfucha, was manchmal als chinesische Teezeremonie bezeichnet wird. Dafür wird ein sehr kleines Aufgussgefäß verwendet, Kännchen von 100-150ml Volumen sind typisch. In diese wird eine größere Menge Teeblätter gegeben, zum Beispiel nehme ich bei Oolong gerne 4g auf 100ml. Dafür sind hier die Ziehzeiten anfangs extrem kurz, oft nur wenige Sekunden. Bei späteren Aufgüssen braucht der Tee dann aber mehrere Minuten um Geschmack abzugeben. Für mich ist diese Art der Zubereitung ungemein spannend. Wenn ich beispielsweise unseren Zealong Oolong auf diese Weise zubereite, bekomme ich locker 10 – 12 unterschiedliche Versionen in meine Tasse … von Aufguss zu Aufguss zeigen sich etwas unterschiedliche Facetten des Tees.

Zwei Dinge, die es zu beachten gilt

Jetzt noch ein Herzensanliegen von mir überzeugtem Mehrfachaufgießer: Wenn Sie damit experimentieren, verwenden Sie wirklich kleine Gefäße! Das ist mir gleich aus zwei Gründen so wichtig:

  1. In feuchtwarmen Teeblättern fühlen sich leider auch Mikroorganismen wohl, die weder dem Tee noch uns gut tun. Wenn man eine Tasse Tee geleert hat und sofort den nächsten Aufguss macht, um sich seine Tasse wieder zu füllen, haben die ungebetenen Gäste keine Zeit, sich bemerkbar zu machen. Aber heute den ersten Aufguss und übermorgen den dritten Aufguss zu machen, ist eine ganz ungute Idee, wie ich als Student bei einer verschimmelten Teekanne erleben musste.
  2. Der Geschmack leidet! Ja, man kann vielleicht dem Schimmelwachstum entgegenwirken, wenn man die benutzten Teeblätter im Kühlschrank aufbewahrt. Selbst wenn weder Räuchermakrele noch rohe Zwiebel im Kühlschrank den Tee ungewollt aromatisieren … alleine der Umstand, dass die Teeblätter über mehrere Stunden feucht sind, verändert den Geschmack und sorgt für mehr Bitterkeit.

Beide diese Probleme kann ich meiden, wenn ich kleine Mengen und dafür in kurzer zeitlicher Folge zubereite. Eine ganz einfache Methode braucht dafür nur eine Thermoskanne mit heißem Wasser, einen kleinen Becher (bitte nicht gleich den Halbliter-Humpen), eine Untertasse oder ein Schälchen und einen Dauerfilter, der so groß ist, wie er gerade in den Becher passt. Das alles platziere ich bei mir im Büro auf dem Schreibtisch und kann mir den Vormittag über mehrere Aufgüsse von einem Tee machen, auf den ich gerade Lust habe. Zur Mittagszeit sind die Teeblätter erschöpft, die Thermoskanne leer (oder das Restwasser zu kühl) und ich habe dieselben Teeblätter nur über ein paar Stunden verwendet.

Aber ich habe sie wiederverwendet! Ich bin sehr ressourcenschonend auf Entdeckungsreise gegangen und habe erlebt, wie unterschiedliche Aspekte mir diese 5-6g Tee geben, wenn ich von Aufguss zu Aufguss die Wassertemperatur oder die Ziehzeit ändere.

Probieren Sie es doch einmal aus – so spannend und lecker kann Recycling sein!

Über den Autor: Gero Hartwig

Gero Hartwig, Tee-Sommelier und Japan-Experte. Schon in frühen Jahren zog es ihn in die weite, unergründlich scheinende Welt des Tees. Ihr ist er bis heute treu geblieben und gibt sein umfangreiches Fachwissen besonders gerne in Teeseminaren wortgewandt mit stets humorvollem Unterton weiter.

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